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25 Jahre

7. August 1988
Am Bahnhof meines Geburtsortes Donaueschingen geht meine dritte (und letzte) Interrailreise zu Ende.

Herbert Feuerstein und ich

Quelle: Wir Reiseweltmeister – Deutschland macht Urlaub, SWR, 2011

„Die Individualisten in Ost und West halten nichts von organisiertem Urlaub und schaffen sich ihre Nischen. Jürgen Reichmann aus Donaueschingen gehört zu den Enthusiasten, die sich gleich mehrmals auf das Abenteuer Interrail eingelassen.“

Also, wer es noch nicht wusste, ich bin ein Individualist und ein Enthusiast!

Und Herbert F. hat auch nicht ganz unrecht.

1985

Interrail Karte 1985

Interrail 1985


Donaueschingen – Paris – Dünkirchen – Dover – London – Aberdeen – Edinburgh – Glasgow – Edinburgh – DundeeLondon – Dover – Dünkirchen – ParisLyonBordeauxArcachon – Bordeaux – Paris – VersaillesParisMonacoAntibesGenf – Brig – Bern – Brig – Rom – Pescara – Guilanova – Pescara – Rom – Pisa – Neapel – Pompeji – Neapel – Paola – Rom – Verona – Venedig – Bologna – Brixen – Guilanova – Foggia – Bologna – FlorenzPisa – Florenz – Innsbruck – SalzburgWien – Innsbruck – Brenner – Innsbruck – Bregenz – St. Magrethen – Sargans – Zürich – Schaffhausen – Donaueschingen

Donaueschingen – Singen – Schaffhausen – Zürich – Bern – Brig – Zermatt – Brig – Bern – Zürich – Schaffhausen – Singen – Donaueschingen

17388 Kilometer

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1986

Interrail Karte 1986

Interrail 1986


Donaueschingen – Straßburg – Paris – Lüttich – Maastricht – Utrecht – Amersfoort – Groningen – Neuschanz – Leer – Hamburg – KopenhagenOsloBergen – Myrdal – Flam – Myrdal – Oslo – Trondheim – Bodo – Trondheim – Oslo – Stockholm – Turku – Joensuu – Helsinki – Kemi – Tornio – Harapanda – Boden – Narvik – Kiruna – Stockholm – Malmö – Göteborg – Kopenhagen – Lübeck – Hamburg – Aachen – Brügge – Brüssel – Maastricht – Lüttich – Charleroi – Paris – Basel – Zürich – Schaffhausen – Singen – Donaueschingen

Donaueschingen – Singen – Schaffhausen – Zürich – Bern – Interlaken – Lauterbrunnen – Kleine Scheidegg – Jungfraujoch – Kleine Scheidegg – Lauterbrunnen – Interlaken – Luzern – Zürich – Schaffhausen – Donaueschingen

Donaueschingen – Singen – Schaffhausen – Zürich – Wien – Zürich – Schaffhausen – Donaueschingen

16547 Kilometer

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1988

Interrail Karte 1988

Interrail 1988


Donaueschingen – Schaffhausen – Zürich – Sargans – Schwarzach/St. Veit – Ljubljana – ZagrebThessalonikiAlexandropolis – Pithion – Istanbul – Pithion – Thessaloniki – Paleofarsalos – Kalambaka – Meteora – Parleofarsalos – Bralos – Delphi – Levadia – Athen – Piräus – Ägina – Angistri – Ägina – Methanon – Epidauros – Nafplion – Arghos – Korinth – Diakopton – Kalavrita – Diakopton – Pirghos – Olympia – Pirghos – Patras – Brindisi – Tarent – Reggio di Calabria – Messina – Catania – Nikolosi – Ätna – Belpasso – Catania – SyrakusMailand – Zürich – Schaffhausen – Donaueschingen

Donaueschingen – Schaffhausen – Zürich – Bern – Brig – Andermatt – Disentis – Chur – Zürich – Schaffhausen – Donaueschingen

Donaueschingen – Paris – Straßburg – Paris – Straßburg – Kehl, Offenburg – Donaueschingen

10490 Kilometer

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Interrail war an jenem 7. August 1988 zu Ende. Mit dem Reisen ging es aber auch danach weiter…

Interrail – Die Dritte

Während meine erste Interrail-Reise wettertechnisch fast alles bot, von Dauerregen in Schottland bis Sonnenbrand an der Adria, war die zweite Auflage eher ein kühles Unterfangen – wie man es in Skandinavien irgendwie auch erwartet. Die dritte Europa-Tour im Zug im Sommer 1988 war das komplette Gegenteil davon, es war einfach nur heiß. Griechenland erlebte Temperaturen von fast 40 Grad.

Aber der Reihe nach. Bei meinen ersten beiden Interrail-Touren hatte ich schon viele Teile Europas durchstreift. Ich war ganz im Norden, viel im Westen und in Italien. Der Osten – wir befinden uns in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts – war, wenn überhaupt, nur relativ schwierig zu bereisen, schon gar nicht mit den Möglichkeiten eines Interrail-Tickets (Ausnahmen bestätigen auch hier wiedermal die Regel, wie man gleich sehen wird). Was noch blieb waren der Südosten und Südwesten Europas. Der Südwesten mit der iberischen Halbinsel schien mir damals nicht so reizvoll, in Portugal war ich, wenn auch kurz, im Frühjahr des gleiches Jahres. Und Spanien verlangte für viele Züge Zuschläge, was es auch nicht sehr verlockend machte. Der Südosten, der Balkan, war aber noch völliges Neuland.

Interrail Ticket 1988

Interrail Ticket 1988

Jugoslawien – das es damals noch gab – gehörte zwar zum Ostblock, spielte aber nicht nur politisch seine eigene Rolle, sondern war auch Mitglied im Interrail-Verbund. Dorthin sollte es als erstes gehen. Start in Schaffhausen, kurz hinter der deutschen Grenze, nicht weit weg von Donaueschingen. Durch die Schweiz und Österreich finden wir – auf dieser Reise begleitetete mich ein Studienfreund – den Weg nach Zagreb. Die heutige Hauptstadt Kroatiens gibt zwar keinen offensichtlichen Anlass, aber irgendwie herrscht doch ein gewisser Respekt vor dem „Osten“. Eine Art von Gefühl, das mich auch auf späteren Reisen immer mal wieder beschleicht, das aber fast immer – wenn man dann mal dort ist – völlig unbegründet ist.

Von Zagreb geht es auf langer Fahrt quer durch Jugoslawien nach Thessaloniki. Eine recht angespannte Zugfahrt. Unter Interrailern kursieren Geschichten über Überfälle und ähnliches auf diesem Streckenabschnitt. Uns passiert aber nichts.

Der Norden Griechenlands bildet ein schmaler Streifen entlang des Ägäischen Meeres. Diesen durchqueren wir in östlicher Richtung und machen dabei einen Badestopp in Alexandropolis. Da ich dazugelernt hatte, legte ich mich unter einen großen Sonnenschirm, bevor ich am dortigen Strand einschlief. Als nicht gerade kleiner Mensch ragten aber meine Füße darunter hervor…

Interrail Karte 1988

Interrail Karte 1988

Auf der Oberseite meiner Füße holte ich mir einen ausgewachsenen Sonnenbrand. Das Tragen von Schuhen war eine einzige Qual. Es half alles nichts, die Reise musste ja weitergehen. Und als nächstes stand Istanbul auf dem Programm. So lief ich die nächsten zwei Tage barfuß durch Istanbul. Das war – erstaunlicherweise – auch weitestgehend kein Problem, nur Wege, die den ganzen Tag schattenlos waren, galt es lieber zu meiden…

Istanbul – eine unglaublich vielseitige und aufregende Stadt – bot auch eine Neuerung in meinem Interrailleben: Die bezahlte Übernachtung. Sinnvolle Nachtzüge nach irgendwohin und zurück gab es nicht. Und der kleine Bahnhof bot auch keine brauchbaren Ecken. Zu dritt teilten wir uns ein Zimmer in einer sehr einfachen Unterkunft. Istanbul bot noch eine zweite Neuerung in meinem Leben: Das erstmalige Verlassen Europas. Ohne viel Aufwand fährt man mit der Fähre über den Bosporus und schon ist man in Asien!

Von Istanbul ging es in zwei Nächten und einem Tag durch das nördliche Griechenland nach Kalambaka. Überfüllte Züge. Und Stehklos – aus hygienischen Gründen kann man in einem Stehklo ja auch Vorteile sehen, wenn aber der Zug – trotz oder vielleicht gerade wegen seiner unendlichen Langsamkeit – ständig durchgerüttelt wird, sind diese eine wahre Herausforderung. Und entsprechend sahen sie aus. Dazu die Hitze. Der Versuch in der Gepäckablage zu schlafen, scheitert kläglich. Dort ist es noch wärmer.

Griechenland 1988: Im Abteil

Griechenland 1988: Im Abteil

Und wo ist Kalambaka? Es liegt am Fuße der Metéora-Klöster, Klöster, die sich auf der Spitze von steil-aufragenden Felsen befinden. Früher konnten diese nur über abenteuerliche Seilwinden erreicht werden. Im öffentlichen Bus, der die Touris zu den Klöstern bringt, herrscht Arbeitsteilung: Es gibt den Fahrer, es gibt den Fahrkartenverkäufer. Und es gibt den Fahrkartenkontrolleur, der die Fahrkarten, die sein Kollege gerade verkauft hat, wieder einsammelt. Ein Arbeitsbeschaffungsprogramm auf griechisch.

Von Kalambaka weiter in Richtung Delphi. Nur nicht nach Fahrplan (der auch – wenn nicht gerade „Drähn kabut“ – höchstens eine Absichtserklärung darstellt). Irgendwann kommt ein Zug. Zuckeln bis Paleofarsalos (im Frühjahr 2008 – fast genau 20 Jahre nach meinem ersten Besuch – staune ich Bauklötze, als ich im Rahmen einer Balkanrundreise wieder zu den Metéora-Klöstern komme, und einen durchgehenden Intercity nach Athen auf den Bahnhofsgleisen Kalambakas sehe). Warten. Weiterzuckeln in Richtung Süden. Außerplanmäßiges Ende in Bralos. Waldbrände verhindern die Weiterfahrt. Es ist schon Nacht. Zu fünft nehmen wir ein Taxi nach Delphi. Am Taxi funktioniert nur das Fernlicht. Kommt ein Auto entgegen, schaltet der Fahrer „zur Sicherheit“ das Licht ganz aus…

In Delphi kommt zum ersten Mal eine weitere Internet-Neuheit zum Einsatz: Die Isomatte. Zwischen ein paar Bäumen unweit des Einganges zum Ausgrabungsgelände breite ich sie aus und schlafe so gut, dass ich erst durch anrückende Besucher am Morgen mit ihren Unterhaltungen geweckt werde. Abends mit dem Bus nach Levadia. Die Nacht auf dem Bahnhof. Mit dem ersten Zug am Morgen in die griechische Hauptstadt Athen.

Athen finde ich enttäuschend. Es gibt die interessanten antiken Ruinien, Akropolis und Agora beispielsweise. Und dann? Die Stadt scheint danach in einen Jahrtausende langen Schlaf gefallen zu sein. Nicht wie Rom – die andere große Stadt der europäischen Antike -, die heute Sehenswertes aus vielen Jahrhunderten der Geschichte bietet.

Von Piräus – dort nächtigten wir in einer einsamen Ecke des Hafens – geht es mit Fähren und Zwischenstopps auf Ägina und Angistri auf den Peloponnes. Das Theater in Epidauros, die Zahnradbahn Diakopton – Kalavrita und das antike Olympia stehen auf dem Programm. Nachtzüge gibt es hier nicht. Übernachtet wird entweder auf dem Bahnhof oder einfach irgendwo, der Isomatte sei Dank!

Tagsüber sind die Züge meist voll, man ist froh, überhaupt einen Platz zu bekommen.

Griechenland 1988: Im Gepäckwagen

Griechenland 1988: Im Gepäckwagen

Dieses Bild war eines von drei Gewinnerbilder eines Wettbewerbes, den GEO Saison zu ihrem 20-jährigen Bestehen durchführte. In diesem Wettbewerb suchte die Zeitschrift Bilder aus ihrer Gründungszeit.

Mit der Fähre ging es über die Adria von Patras ins italienische Brindisi. Die Fähre ist auch der Grund für die blaue Farbe des Interrail-Tickets. Mit der Option „+ Schiff“ durfte man nicht nur alle nicht-deutschen Züge nutzen, auch bestimmte Fähren waren damit kostenlos. Von Brindisi mit einem Zwischenstopp in Tarent nach Reggio di Calabria. Dort mal wieder eine Nacht auf dem Bahnhof. Morgens die Fähre nach Messina. Sizilien! Zug nach Catania. Nicht, dass ich mir Catania anschauen wollte. Nein, das Ziel ist der Ätna. Auf der Suche nach einer Fahrgelegenheit, die uns Richtung Gipfel bringen soll, geraten wir in eine merkwürdige Situation. Erst später wird uns bewusst, dass wir übers Ohr gehauen werden sollten (was den Betrügern aber nicht gelingt, weil uns schlichtweg das nötige „Kleingeld“ fehlte). Mit einem Bus gelangen wir schließlich in höhere Regionen des Ätnas, allerdings noch weit weg vom Gipfel. Dort laufen wir noch stundenlang über die Weiten der Lavafelder. Abends kommen wir per Anhalter und einem Bus zurück nach Catania, fahren von dort mit dem Zug nach Syrakus. Leider macht der Bahnhof in Syrakus über Nacht zu, so dass wir uns zu mitternächtlicher Stunde noch eine Unterkunft suchen müssen.

Die Fahrt von Syrakus, beginnend am nächsten Abend, in Richtung Norden war dann eine äußerst merkwürdige. Eine im Mülleimer des Toilettenabteiles gefundene Handtasche, die erst niemand vermisst, dann aber doch jemandem gehört. Und das Schussloch im Fenster! Mitten in der Nacht schrecken wir durch ein Geräusch auf. Die äußere Scheibe des Abteils hat ein Loch. Es war wohl nur die Kugel eines Luftgewehrs. Aber richtig ruhig kann man danach auch nicht mehr schlafen…

Mailand ist die letzte Station der „Hauptreise“, viel Zeit für die Besichtigung der Stadt bleibt allerdings nicht mehr, da der Syrakus-Zug nicht nur seltsame Ereignisse mit sich brachte, er hatte auch mehrere Stunden Verspätung. Am Nachmittag geht es weiter nach Hause.

Die Schweiz (u.a. mit dem Glacier-Express von Brig nach Chur) und ein abschließendes Wochenende in Paris sind die letzten Ziele dieser Reise.

Nicht nur diese Interrail-Tour ist damit vorbei, auch die Interrail-Zeit insgesamt ist damit für mich zu Ende (oder vielleicht doch nicht? Inzwischen gibt es das Interrail-Ticket ja für jede Altersklasse…), die Zeit der großen Bahnreisen fast auch. Nur noch ein gelegentliches Aufflackern, aber nicht mehr in Europa.

Interrail – Die Zweite

Die Sommerferien 1985 bestanden aus zwei Teilen, meiner ersten Interrail-Reise und einem Ferienjob. Vom im Ferienjob verdienten Geld hatte ich mir meinen ersten eigenen Computer gekauft, einen Commodore 64, gebraucht für 400 D-Mark. Schon ein paar Monate später erwies sich dies als glückliche Entscheidung. Von einem Schulfreund bekam ich eine Kleinanzeige, in der ein Nebenjob als Programmierer für den C 64 gesucht wurde. Ich bekam nicht nur diesen Nebenjob (und mit ihm zum ersten Mal Geld für selbst geschriebene Software!), sondern darüber hinaus auch einen Ferienjob im Sommer 1986.

1986, die Schulzeit war zu Ende, das Studium scheinbar noch weit weg, und ich hatte meinen ersten richtigen Job als Software-Programmierer. Und richtig hieß in diesem Fall, dass ich sogar Urlaubsgeld bekam! Zwei der drei Wochen der bevorstehenden zweiten Interrail-Reise waren bezahlter Urlaub! Das klingt jetzt vielleicht wenig aufregend, für mich war es aber einfach unglaublich.

Und das Ticket selbst bekam ich von meinen Eltern als Geschenk zum Abitur bezahlt.

Interrail Ticket 1986

Interrail Ticket 1986

Während die erste Interrail-Reise in den Westen und Süden Europas ging, sollte es dieses Mal in den Norden gehen. Dies hatte allerdings auch einen Nachteil: Das Interrail-Ticket ist nur für Länder außerhalb Deutschlands gültig, will man Züge in Deutschland nutzen, muss man den halben Fahrpreis bezahlen. Donaueschingen liegt nun aber ganz im Süden Deutschlands, es ist das kleine rote DS auf der Karte. Um kostengünstig nach Skandinavien zu kommen, braucht man deshalb viel Zeit.

Von Straßburg (dorthin fuhren uns – neben mit war noch ein Freund dabei – meine Eltern mit dem Auto) nach Paris-Ost, Wechsel zu Fuß nach Paris-Nord, weiter ins belgische Lüttich, dort die Nacht auf dem Bahnhof. Am nächsten Morgen von Lüttich über Maastricht, Utrecht, Amersfoort und Groningen zum kleinen niederländischen Grenzort Neuschanz. Mit einem Bus auf die deutsche Seite der Ems nach Leer, nicht damit rechnend deutsches Kleingeld dafür zu brauchen. Da der Busfahrer meinen 50 D-Mark-Schein nicht wechseln konnte (oder wollte), musste ich mir Geld von Mitreisenden borgen. Weiter mit dem Daumen nach oben (ist schon mal aufgefallen, dass man heute kaum noch Tramper an Deutschlands Straßen sieht?). Von Leer mit dem Auto über Bremen nach Hamburg (letztere Strecke in irgendeinem Sportwagen mit Vollgas durchgehend auf der linken Spur).

Der Nachtzug Hamburg-Kopenhagen ging erst sehr spät am Abend, so dass noch Zeit zum Stadtbummel in Hamburg war. Und hier kommt auch mein Ferienjob wieder ins Spiel. Diesen hatte ich nämlich bei „Fürstenberg Holz“, dem unbekannten Bruder der „Fürstenberg Brauerei“. Beide nutzen aber das gleiche fürstliche Logo. Und ein T-Shirt mit diesem  Logo trug ich an jenem Tag.

Wegen des T-Shirts mit dem Fürstenberg-Logo wurde ich angesprochen. Von einem in St. Pauli tätigen Sozialarbeiter, der früher einmal in Donaueschingen gelebt oder gearbeitet hatte (oder beides, genau weiß ich das nicht mehr). Was folgte, war eine Hinter-den-Kulissen-durch-St.-Pauli-über-die-Reeperbahn-Tour. Er kannte jeden, jeder kannte ihn. Ganz schön interessant und aufregend für jemanden vom Land…

Mit Zug und Fähre ging es in der Nacht nach Kopenhagen, von dort aus in der folgenden Nacht wiederum mit Zug und Fähre nach Oslo. Die Tage in Norwegen verbrachte ich zum Großteil im Zug, nicht nur nachts als Übernachtungsstätte, sondern auch tagsüber. In den Zügen der Bergen-, Flam- und Nordland-Bahn bekommt man viel vom Land der Fjorde zu sehen. Für Städte wie Trondheim und Bergen blieb nur wenig Zeit.

Interrail Karte 1986

Interrail Karte 1986

Nach Norwegen kam Finnland an die Reihe: Mit dem Zug durch das südliche Schweden nach Stockholm, von dort mit der Nachtfähre nach Turku. Die Nachtfähre, welch ein Luxus! Eine gepolsterte Liege! Eine willkommene Abwechslung zu den Zugübernachtungen der Tage zuvor. Die skandinavischen Züge haben oft nur Großraumwägen, und in denen schläft es sich deutlich schlechter als in einem „dünn“-besetzten Abteil. Von Turku ging es im Nachtzug in den finnischen Osten, morgens weiter entlang der sowjetischen Grenze in die finnische Hauptstadt Helsinki. Aus dem fahrenden Zug konnte man ein Blick hinter den eisernen Vorhang werfen, zumindest glaubten wir das.

Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass ich ein paar Jahre später für zwei Monate in Helsinki leben würde (und dann einen Wochenendausflug nach St. Petersburg machen würde, in die Stadt, die jetzt im Jahr 1986 noch Leningrad hieß und für einen Interrailer nicht erreichbar war). Helsinki ist – wie fast alle nordischen Städte – recht überschaubar. An einem Tag kann man viele der Sehenswürdigkeiten abklappern.

Der Weg führte uns vom Süden Finnlands in dessen Norden, zu Fuß ging es über die Grenze, vom finnischen Tornio ins schwedische Harapanda. Wenn auch schon recht weit im Norden, so doch immer noch südlich des Polarkreises. Will man den Polarkreis überqueren gibt es mit der Bahn nur die Möglichkeit weiter nach Narvik zu fahren. Narvik – in Norwegen gelegen – liegt am Ende der Ofot-Bahn und ist hauptsächlich für seinen großen Eisenerzverladehafen bekannt. Kommt man in Narvik erst am frühen Abend an (und will von der Stadt noch etwas sehen), so gibt es keine Möglichkeit mehr für einen Nachtzug. Man braucht eine andere Übernachtungsmöglichkeit. Eine Bank im Wartesaal des Bahnhofes. Nur der Bahnhof schließt in der Nacht für ein paar Stunden. Und draußen ist es – auch im August – frostig kalt, besonders dann, wenn man ohne Schlafsack und Isomatte unterwegs ist. Ein abgestellter, nicht verschlossener Bauwaggon bietet die Rettung, zumindest bis früh morgens der Bahnhof wieder öffnet.

Narvik ist der nördliche Wendepunkt der Reise (eine Weiterfahrt zum Nordkap ist ohne eigenes Fahrzeug kaum möglich), jetzt geht es nur noch südwärts. Stockholm (bei schönstem Wetter) und Göteborg (bei Regen) werden besucht. Weiter mit Fähren und Zügen bis nach Hamburg. In Hamburg ist gerade Dom, das große Vergnügungsfest auf dem Heiligengeistfeld. Ein – für mich – einzigartiges Erlebnis: Ich fahre zum ersten und zum letzten (!) Mal in meinem Leben Achterbahn! Ein unbeschreiblicher Horror. Die schlottrigen Knie sind mir bis heute in Erinnerung.

Von Hamburg sollte es wieder per Trampen nach Holland gehen. Nach der Nacht auf dem Hauptbahnhof suchen wir uns eine breite Straße und stellen uns mit dem Daumen nach oben an den Straßenrand. Mit dem ersten Auto, das uns irgendwann mitnimmt, kommen wir nicht weit. Bis Hittfeld, nur ein paar Kilometer südlich von Hamburg. An eine Autobahnauffahrt, die niemand zu nutzen scheint. Als nach Stunden (!) ein Auto hält und uns mitnimmt, vergesse ich meine Brille, ich hatte sie – müde vom ewigen Warten für ein Schläfchen auf dem Seitenstreifen abgenommen  – liegen lassen. Zum Glück fiel mir mein unscharfes Leben schnell auf…

Ich hatte nicht nur das Glück, meine Brille unbeschädigt wieder zu bekommen, das weitere Glück war auch, dass sich das stundenlange Warten gelohnt hatte. Unser Fahrer wollte bis nach Jülich. Nur einen Katzensprung weg von Aachen. In Aachen empfängt uns ein warmer, nachts nicht schließender Wartesaal. Früh morgens soll es mit dem Zug nach Brüssel gehen, ein Plan, der im ersten Anlauf scheitert, da wir Brüssel verschlafen und nachdem wir es merken und zu weit gefahren sind, erst wieder umdrehen müssen.

Die Reise geht ihrem Ende entgegen, Amsterdam (mit einem feucht-fröhlichen Besuch der Heineken-Brauerei) und Paris stehen noch auf dem Programm. Dann über die Schweiz zurück nach Donaueschingen. Ein Eintagestripp auf das Jungfraujoch und eine Wochenendfahrt nach Wien kommen noch dazu.

Die zweite Interrail-Reise ist vorbei. Bis zur dritten (und letzten) werden zwei Jahre vergehen.

Interrail – Die Erste

Die Deutschlandtour mit dem Tramper-Monats-Ticket 1984 war der Anfang meiner großen Bahnreisezeit. Drei Interrail-Touren in der Zeit zwischen 1985 und 1988 sollten folgen. Über die erste dieser Reisen soll es hier gehen.

Ende Juli 1985. Montag ist mein 18. Geburtstag. Mittwoch der letzte Tag in der 12. Klasse. Freitagabend die Abfahrt in Donaueschingen. Ziel: Paris. Das wichtigste Gepäckstück ist neben dem Fotoapparat der wirklich geniale Europafahrplan der Bundesbahn mit  allen wichtigen europäischen Zugverbindungen außerhalb Deutschlands.

Interrail Ticket 1985

Interrail Ticket 1985

Das Budget für die dreiwöchige Tour (für die zweiten 3 Wochen der Sommerferien hatte ich einen Ferienjob in Aussicht) ist knapp kalkuliert: 15 D-Mark pro Tag. Davon muss neben dem täglichen Essen (ergänzt durch eine große Salami, die ich zu Hause mitgenommen und im Rucksack dabei habe) alle anderen anfallenden Kosten bezahlt werden, d.h. Dinge wie Eintrittsgelder oder U-Bahn-Fahrkarten. Geld für Übernachtungen ist nicht eingeplant.

Auch das Fotomaterial ist streng limitiert. Durchschnittlich nur einen Film darf ich pro Tag verwenden (für die in der Digitalzeit groß Gewordenen: das sind gerade mal 36 Bilder pro Tag). Jede Aufnahme muss wohl überlegt sein. Oder sollte es zumindest. Und das auf einer Reise, während der ich zum ersten Mal in Paris, London, Rom und Wien sein werde. Aber es geht. Mit 20 belichteten Filmen werde ich nach Hause zurückkommen.

Paris bedeutet nicht nur eine große unbekannte Stadt, es bedeutet auch den ersten Geldwechsel. Und viele weitere sollten noch folgen, denn der Euro ist noch ein unbekanntes Wesen.

Nach dem Tag in Paris geht es abends weiter auf „die Insel“. Nicht durch den Eurotunnel, auch den gibt es 1985 noch nicht, sondern mit der Fähre. Die Nachtruhe wird dadurch zweimal unterbrochen, beim Wechsel vom Zug auf die Fähre in Dünkirchen, und wieder beim umgekehrten Wechsel in Dover. London empfängt uns am Morgen mit (in meinen Augen) typisch englischem Wetter, es regnet. Das hält mich und meine zwei mitreisenden Freunde aber nicht von der Stadtbesichtigung ab. Meiner Umhängetasche, in der sich neben der Fotoausrüstung, Reiseführer auch Essen (letzteres findet sich später dadurch leider auch in einem Objektiv wieder…) befindet, tut der Regen aber nicht gut. Sie zeigt Auflösungserscheinungen. In einer Behelfsmaßnahme tackere ich eine Plastiktüte in ihr Inneres. Mit dem Regen wird es auch am nächsten Tag, jetzt in Schottland, nicht viel besser.

Der Regen findet erst – nach einem zweiten Tag in London – bei der Rückkehr nach Paris ein Ende. Zuvor nahm aber – auf der Fahrt von London zur Kanalküste – mein Kulturbeutel samt Inhalt unfreiwillig Abschied von mir. Ausgelaufenes Shampoo zwang mich den Kulturbeutel zu waschen. Zum Trocknen habe ich ihn dann auf die Gepäckablage plaziert, dort lag er – zusammen mit seinem Inhalt – allerdings auch noch, als ich schon in der Fähre auf dem Rückweg zum Festland war. Ein durchaus großer Verlust. Der Neukauf einer Zahnbürste in einer französischen Apotheke reißt ein großes Loch in die Kasse.

Von Paris gibt es nachmittags mit dem TGV nach Lyon, von dort weiter im Nachtzug nach Bordeaux (ein nächtliches Kartenspiel mit ein paar Asiaten im Zugabteil wird erst dann besser als wir merkten, dass „stäkke“ bedeutet, dass eine Karte stärker als eine andere ist). Einem müden Tag in Bordeaux und an der Atlantikküste in Arcachon (einschließlich eines sehr kühlen Bades im Atlantik) folgt ein dritter Tag in Paris.

Interrail Karte 1985

Interrail Karte 1985

Über Monaco und nach einem Abstecher durch die Schweizer Alpen geht es nach Italien! Das Land der Lira. Der Regen ist vergessen. Dafür gibt es einen Sonnenbrand. Ohne Sonnencreme schlafe im am Adriastrand von Guilanova auf dem Bauch liegend ein… Aber auch ein Sonnenbrand kann noch sein gutes haben. In einer der darauf folgenden Nächte werde ich durch ihn mal wieder mitten in der Nacht geweckt. Es ist ruhig in unserem Abteil. Zu ruhig. Das wundert auch nicht. Unser Waggon steht auf einem Abstellgleis. Keiner hatte uns am Endbahnhof geweckt und aus dem Zug geschmissen. Wahrscheinlich hatte es der Schaffner nett mit uns gemeint.

Neben Rom (keine kurzen Hosen im Petersdom! Und der Luxus eines Stücks Pizza!) sind Venedig, Florenz und Pompeji (als altem Lateiner!) Höhepunkte dieses Teils der Reise. Das Übernachten in den Nachtzügen ist in Italien aber oft eine Qual. Sie sind voll bis zum Anschlag. Und bekommt man mal ein Abteil, endet die Fahrt – wie beschrieben – auf dem Abstellgleis. Bis zum Tag der Erkenntnis. Das Interrail-Ticket ist zwar eine Zweite-Klasse-Fahrkarte, aus den Gängen der ersten Klasse wird man aber auch nicht vertrieben. Ein Luxus! Nicht nur hat man im Gang der ersten Klasse Platz, um sich auszustrecken, sie sind auch mit Teppichen ausgelegt.

Vor der Rückkehr nach Hause geht es mit dem Besuch Salzburgs (einschließlich des James-Bond-Films „Im Angesicht des Todes“ abends im Kino) und Wiens noch nach Österreich. Durch die österreichischen und Schweizer Alpen findet meine erste Interrail-Reise in Schaffhausen (dort lassen wir uns abholen) ihr Ende, zumindest fast. Ein Besuch des Matterhorns (einschließlich des Aufstiegs zur 3260 Meter hochgelegenen Hörnlihütte) wird als Zugabe noch folgen.

Hilton Copenhagen Airport Hotel

Hilton ist nicht gerade die Hotelmarke, nach der ich üblicherweise Ausschau halte. Aber auf der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit in Kopenhagen im September 2009 bin ich auf das Angebot „2 Nächte zum Preis von einer“ gestoßen. Damit wurde das Hilton Copenhagen Airport Hotel interessant und von mir auch gebucht.

Wie der Hotelnamen schon vermuten lässt, befindet sich das Hotel in unmittelbarer Nähe zum Flughafen und ist mit diesem über eine überdachte Fußgängerbrücke verbunden. Klar ist damit auch, dass das Hotel nicht gerade im Zentrum Kopenhagens liegt, was aber aufgrund der sehr guten Anbindung durch U-Bahn und Zug (beide brauchen jeweils nur gut 10 Minuten in die Innenstadt) kein wirklicher Nachteil ist. Schade ist, dass es ein 24-Stundenticket nur für das sog. Greater Copenhagen, nicht aber für das reine Stadtgebiet gibt.

Hilton Copenhagen Airport Hotel

Hilton Copenhagen Airport Hotel

Übernachten und Frühstück ist im Preis inbegriffen. Ich erwähne das hier mal besonders, weil alles andere extra kostet. Das Frühstücksbuffet ist groß und bietet eine umfangreiche Auswahl. Die Preise für die Minibar sind dagegen unglaublich, oder sind 5,50 Euro für 0,25 Liter Cola wirklich gerechtfertigt? Für eine Stunde WLAN-Zugang verlangt das Hilton 50 dänische Kronen (fast 7 Euro) – da sind die 150 Kronen (ungefähr 20 Euro) für 24 Stunden ja fast schon ein Schnäppchen (obwohl man damit anderswo schon einen 1-monatigen DSL-Zugang bekommt). Die Politik, die hinter einem solchen Preisgebaren steht, kann ich nicht nachvollziehen.

Hilton Copenhagen Airport Hotel: Minibarkarte

Hilton Copenhagen Airport Hotel: Minibarkarte

Für mich war es der erste Besuch in Kopenhagen seit über 20 Jahren. Damals – 1986 – war es die erste Station auf einer Interrailreise mit dem Schwerpunkt Skandinavien. An ein Hilton – mit oder ohne Spezialtarif – war damals überhaupt nicht zu denken. Die Übernachtungskosten beliefen sich für die ganze Reise auf genau 0 Euro (auch wenn es den Euro damals noch nicht gab). Nachtzüge oder mal ein Bahnhofswartesaal reichten völlig aus.

Kopenhagen hatte ich als als nicht wirklich spannend in Erinnerung und war dann bei meinem erneuten Besuch umso überraschter. Eine interessante Mischung aus historischen Gebäuden, aufgefrischten alten Gegenden und moderner Architektur. Dazu eine spürbare Lebendigkeit auf den Straßen und Plätzen.

Was mich aber entäuschte, war der Vergnügungspark Tivoli. Ich weiß nicht, was ich wirklich erwartete, aber ich hatte das Gefühl, dass ich ihn dieses Mal anschauen mußte. Man zahlt Eintritt (85 Kronen, d.h. gut 11 Euro), um dann wiederum Eintritt für Fahrgeschäfte zahlen zu dürfen. Oder in einem der vielen Restaurants Geld ausgeben zu dürfen. Vielleicht habe ich den höheren Sinn auch einfach nicht verstanden.

Und zu guter Letzt: Ich hatte den Eindruck, dass es in Kopenhagen mehr 7-Eleven gibt als in Bangkok. Und dort gab es schon viele (ich hatte damals bei Fahrten durch Bangkok mit meiner damaligen Freundin den Wettbewerb, wer den jeweils nächsten 7-Eleven als Erstes entdeckt, aber dies (und dass ich diesen Wettbewerb immer verlor) ist eine andere Geschichte).

7-Eleven