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Paranoia

Spiegel Online, Juli 2010. Über eine Millon Kameras in London. Nicht die Kameras, die die Touristen vor ihrem Bauch hängen haben, sondern die, die zur Überwachung seiner Bewohner und Besucher dienen. Jeder Quadratmeter der Stadt scheint von irgendeiner Kamera erfasst zu sein.

London, Mai 2011.

Hyde Park. Touris und Schulklassen – für ihren Sportunterricht – nutzen ihn zugleich. In manchen Gegenden des Parkes lässt es sich daher gar nicht vermeiden, Teile der Schulgruppen mit auf dem Bild zu haben, wenn man den Park fotografiert. Was passiert? Eine Lehrerin läuft uns hinter her und erklärt uns, dass es die Policy ihrer Schule ist, dass Schüler nicht fotografiert werden dürfen. So eine Policy mag ja das gute Recht einer Schule sein. Aber woher soll ich die Policy einer Schule, deren Schüler in einem öffentlichen Park Kricket oder Fußball spielen, kennen???

Fahrt in der U-Bahn. Nicht nur auf Mind the Gap weist der Fahrer hin, auch gibt er per Lautsprecher bekannt, dass das Fotografieren sowohl in den Zügen als auch auf den Bahnhöfen verboten sei. Und das gleich mehrmals.

Docklands. Kaum bekommt ein Sicherheitsmann meine Kamera zu Gesicht, schon fühl er sich bemüßigt mich darauf hinweisen zu müssen, dass es sich bei der Tiefgarageneinfahrt, vor der er steht, um einen Sicherheitsbereich handeln würde, der – natürlich – nicht fotografiert werden dürfe.

Ufer der Themse. Gegenüber der O2-Arena. Ein Mann im dunklen Anzug erklärt mir, er hätte mich auf den Überwachungskameras gesehen und müsse mir jetzt sagen, dass ich zwar die O2-Arena auf der gegenüberliegenden Themse-Seite fotografieren dürfe, nicht aber die Häuser auf dieser Flussseite. Die Begründung ist einfallsreich: die Häuser seien privat. Wie wird er dieses Verbot – über seine Richtigkeit und Sinnhaftigkeit will ich hier gar nicht diskutieren – für  Leute auf vorbeifahrenden Schiffen oder für Besucher der O2-Arena wohl durchsetzen? Und falls es ein solches Verbot denn gibt, woher weiß ich denn, welches Haus privat ist und welches nicht???

Auf der einen Seite die totale (filmische) Überwachung (wobei ja keiner weiß, wer da vor den Monitoren sitzt), auf der anderen Seite Fotografierverbote an jeder Ecke. Es ist beispielsweise auch – per Gesetz – inzwischen verboten Bobby’s zu fotografieren. Man läuft durch London und hat ständig das Gefühl beim Fotografieren etwas Unerlaubtes zu machen.

Mutig wie ich nun einmal bin – 🙂 -, habe ich trotzdem in London fotografiert. Viel sogar. Die Ergebnisse wird es wie immer auf Erde in Bildern geben.

Interrail – Die Erste

Die Deutschlandtour mit dem Tramper-Monats-Ticket 1984 war der Anfang meiner großen Bahnreisezeit. Drei Interrail-Touren in der Zeit zwischen 1985 und 1988 sollten folgen. Über die erste dieser Reisen soll es hier gehen.

Ende Juli 1985. Montag ist mein 18. Geburtstag. Mittwoch der letzte Tag in der 12. Klasse. Freitagabend die Abfahrt in Donaueschingen. Ziel: Paris. Das wichtigste Gepäckstück ist neben dem Fotoapparat der wirklich geniale Europafahrplan der Bundesbahn mit  allen wichtigen europäischen Zugverbindungen außerhalb Deutschlands.

Interrail Ticket 1985

Interrail Ticket 1985

Das Budget für die dreiwöchige Tour (für die zweiten 3 Wochen der Sommerferien hatte ich einen Ferienjob in Aussicht) ist knapp kalkuliert: 15 D-Mark pro Tag. Davon muss neben dem täglichen Essen (ergänzt durch eine große Salami, die ich zu Hause mitgenommen und im Rucksack dabei habe) alle anderen anfallenden Kosten bezahlt werden, d.h. Dinge wie Eintrittsgelder oder U-Bahn-Fahrkarten. Geld für Übernachtungen ist nicht eingeplant.

Auch das Fotomaterial ist streng limitiert. Durchschnittlich nur einen Film darf ich pro Tag verwenden (für die in der Digitalzeit groß Gewordenen: das sind gerade mal 36 Bilder pro Tag). Jede Aufnahme muss wohl überlegt sein. Oder sollte es zumindest. Und das auf einer Reise, während der ich zum ersten Mal in Paris, London, Rom und Wien sein werde. Aber es geht. Mit 20 belichteten Filmen werde ich nach Hause zurückkommen.

Paris bedeutet nicht nur eine große unbekannte Stadt, es bedeutet auch den ersten Geldwechsel. Und viele weitere sollten noch folgen, denn der Euro ist noch ein unbekanntes Wesen.

Nach dem Tag in Paris geht es abends weiter auf „die Insel“. Nicht durch den Eurotunnel, auch den gibt es 1985 noch nicht, sondern mit der Fähre. Die Nachtruhe wird dadurch zweimal unterbrochen, beim Wechsel vom Zug auf die Fähre in Dünkirchen, und wieder beim umgekehrten Wechsel in Dover. London empfängt uns am Morgen mit (in meinen Augen) typisch englischem Wetter, es regnet. Das hält mich und meine zwei mitreisenden Freunde aber nicht von der Stadtbesichtigung ab. Meiner Umhängetasche, in der sich neben der Fotoausrüstung, Reiseführer auch Essen (letzteres findet sich später dadurch leider auch in einem Objektiv wieder…) befindet, tut der Regen aber nicht gut. Sie zeigt Auflösungserscheinungen. In einer Behelfsmaßnahme tackere ich eine Plastiktüte in ihr Inneres. Mit dem Regen wird es auch am nächsten Tag, jetzt in Schottland, nicht viel besser.

Der Regen findet erst – nach einem zweiten Tag in London – bei der Rückkehr nach Paris ein Ende. Zuvor nahm aber – auf der Fahrt von London zur Kanalküste – mein Kulturbeutel samt Inhalt unfreiwillig Abschied von mir. Ausgelaufenes Shampoo zwang mich den Kulturbeutel zu waschen. Zum Trocknen habe ich ihn dann auf die Gepäckablage plaziert, dort lag er – zusammen mit seinem Inhalt – allerdings auch noch, als ich schon in der Fähre auf dem Rückweg zum Festland war. Ein durchaus großer Verlust. Der Neukauf einer Zahnbürste in einer französischen Apotheke reißt ein großes Loch in die Kasse.

Von Paris gibt es nachmittags mit dem TGV nach Lyon, von dort weiter im Nachtzug nach Bordeaux (ein nächtliches Kartenspiel mit ein paar Asiaten im Zugabteil wird erst dann besser als wir merkten, dass „stäkke“ bedeutet, dass eine Karte stärker als eine andere ist). Einem müden Tag in Bordeaux und an der Atlantikküste in Arcachon (einschließlich eines sehr kühlen Bades im Atlantik) folgt ein dritter Tag in Paris.

Interrail Karte 1985

Interrail Karte 1985

Über Monaco und nach einem Abstecher durch die Schweizer Alpen geht es nach Italien! Das Land der Lira. Der Regen ist vergessen. Dafür gibt es einen Sonnenbrand. Ohne Sonnencreme schlafe im am Adriastrand von Guilanova auf dem Bauch liegend ein… Aber auch ein Sonnenbrand kann noch sein gutes haben. In einer der darauf folgenden Nächte werde ich durch ihn mal wieder mitten in der Nacht geweckt. Es ist ruhig in unserem Abteil. Zu ruhig. Das wundert auch nicht. Unser Waggon steht auf einem Abstellgleis. Keiner hatte uns am Endbahnhof geweckt und aus dem Zug geschmissen. Wahrscheinlich hatte es der Schaffner nett mit uns gemeint.

Neben Rom (keine kurzen Hosen im Petersdom! Und der Luxus eines Stücks Pizza!) sind Venedig, Florenz und Pompeji (als altem Lateiner!) Höhepunkte dieses Teils der Reise. Das Übernachten in den Nachtzügen ist in Italien aber oft eine Qual. Sie sind voll bis zum Anschlag. Und bekommt man mal ein Abteil, endet die Fahrt – wie beschrieben – auf dem Abstellgleis. Bis zum Tag der Erkenntnis. Das Interrail-Ticket ist zwar eine Zweite-Klasse-Fahrkarte, aus den Gängen der ersten Klasse wird man aber auch nicht vertrieben. Ein Luxus! Nicht nur hat man im Gang der ersten Klasse Platz, um sich auszustrecken, sie sind auch mit Teppichen ausgelegt.

Vor der Rückkehr nach Hause geht es mit dem Besuch Salzburgs (einschließlich des James-Bond-Films „Im Angesicht des Todes“ abends im Kino) und Wiens noch nach Österreich. Durch die österreichischen und Schweizer Alpen findet meine erste Interrail-Reise in Schaffhausen (dort lassen wir uns abholen) ihr Ende, zumindest fast. Ein Besuch des Matterhorns (einschließlich des Aufstiegs zur 3260 Meter hochgelegenen Hörnlihütte) wird als Zugabe noch folgen.