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Pink Floyd, die Seychellen, Indien und ein französisches Weltkulturerbe

Juni 1988

Ohne die Musik von Pink Floyd wirklich zu kennen, hatte ich mir für ein Konzert auf dem Mannheimer Maimarktgelände ein Ticket gekauft.

Pink Floyd, Maimarktgelände Mannheim, 18. Juni 1988

Pink Floyd, Maimarktgelände Mannheim, 18. Juni 1988

Das Konzert war eine Offenbarung. Und Pink Floyd wurde – nach Deep Purple – zu meiner zweiten großen musikalischen Liebe. Und blieb es bis heute. Allerdings gab es nach Ende der Division-Bell-Tour 1995 – abgesehen von einem 20-minütigen Auftritt beim Live 8-Konzert im Jahr 2005 – kein einziges Konzert mehr von Pink Floyd. Die beiden Hauptprotagonisten von Pink Floyd, Roger Waters (er hatte die Band schon Mitte der 1980er Jahre verlassen) und David Gilmour, blieben aber weiterhin musikalisch aktiv, mit Soloalben und mit Konzerten.

März 2015

Meine Freude war groß als David Gilmour ein neues Album und eine Tour ankündigte, seine letzte Tour lag immerhin auch schon neun Jahre zurück. Dass mich diese Nachricht auf den Seychellen erreichte, machte die Freude nicht kleiner. Immerhin leben wir im Zeitalter des Internets.

Seychellen? Nicht gerade ein Reiseziel, das weit oben auf meiner Wunschliste stand. Aber besondere Ereignisse ergeben manchmal besondere Reiseziele. Und zu meiner eigenen Überraschung wurde es eine wunderbare Reise. Die Inseln – zusammen sind es über 100 – in den Weiten des Indischen Ozeans bieten weitaus mehr als Traumstrände und blaues Wasser (auch wenn sie gerade von diesen beiden Dingen sehr viel haben…), sie haben auch eine vielseitige, oft einzigartige Natur. Und immer nette Bewohner.

Traumstrand - Petit Anse, La Digue

Traumstrand – Petit Anse, La Digue


Blaues Wasser - Île St. Pierre, Indischer Ozean

Blaues Wasser – Île St. Pierre, Indischer Ozean


Einzigartige Natur - Seychellenpalme (Coco de Mer), Vallée de Mai, Praslin

Einzigartige Natur – Seychellenpalme (Coco de Mer), Vallée de Mai, Praslin

Zurück zu David Gilmour. Besser gesagt zu seiner angekündigten Tour. Der Tourplan für den Sommer 2015 war übersichtlich. Aber es gab einen wunderbaren Lichtblick: Zwei Auftritte in der Arena von Verona. Und da wir – wie schon erwähnt – in Zeiten des Internets leben, sollte der Vorverkaufsbeginn, der noch während des Seychellenurlaubs lag, kein Problem sein.

Sollte… Auch auf den Seychellen gibt es Internet, zumindest die Unterkünfte bieten es alle an. Aber… Am Tag des Vorverkaufsbeginn für die David-Gilmour-Konzerte war das Internet kaputt. Wohl nicht das ganze Internet, aber zumindest der Internetzugang in der Unterkunft, in der wir an diesem Tag waren. Es wurde nichts mit einer Ticketbestellung an diesem Tag. Und… Es wurde auch nichts mehr mit einer Ticketbestellung an einem anderen Tag. Denn als ich wieder ein Ticket hätte bestellen können, gab es keine mehr. Zumindest keine mehr für Verona. Klagen auf hohem Niveau, gar keine Frage. Aber enttäuscht war ich trotzdem.

Februar 2016

Fast ein Jahr später. Indien. Auch ein Reiseziel, dass bei mir gar nicht so weit oben auf der Wunschliste stand. Ich hatte nie richtig Lust auf das Land im Süden Asiens, aber trotzdem immer das Gefühl, es mal gesehen haben zu müssen. Und da ich auch das Gefühl hatte, dass Indien ein anstrengendes Reiseland sein muss, wäre es wohl besser nicht zu lange darauf zu warten.

Eine Vorstellung wie anstrengend Indien werden könnte, bekam ich schon zu Hause. Einen Flug dorthin zu buchen, kein Problem. Eine Fahrkarte mit der indischen Bahn zu buchen aber schon. Nicht dass die indische Bahn keine Webseite hätte, nein, dass ist nicht das Problem, das Problem fängt damit an, dass, man sich auf dieser indischen Webseite anmelden muss. Und eine Anmeldung geht nur, wenn man eine Email-Adresse hat (ok, habe ich) und eine indische Mobiltelefonnummer (ok, hatte ich nicht). Nur wenn man zwei Bestätigungscodes bekommt, einen an die Email-Adresse, einen per SMS an die indische Handynummer, kann man sich auf der Webseite anmelden und ein Ticket buchen. Eine nicht ganz einfache Hürde für Nicht-Inder. Was sie wohl auch in Indien bemerkt haben, so dass man – nach etwas Suchen – eine Webseite findet, die die indische Handynummer sozusagen simuliert. Und man am Ende beide Bestätigungscodes per Email bekommt.

Warum das mit dem Zugbuchen am Ende dann doch nicht geklappt hat, habe ich nie herausgefunden. Ich konnte einen Zug auswählen, diesen mit Kreditkarte bezahlen, der Betrag wurde sogar von der Kreditkarte abgebucht. Bis dann doch immer die Meldung kam, dass die Buchung fehlschlug. Fairerweise muss man sagen, dass der abgebuchte Betrag immer auch vollständig zurückgebucht wurde.

Aber eine Fahrkarte hatte ich trotzdem nicht. Am Ende war ich froh, dass es mit dem Zugbuchen nicht geklappt hatte. Über einen Indien-begeisterten Freund bekam ich Kontakt zu einem indischen Reiseunternehmer namens Balvinder. Reiseunternehmer ist vielleicht etwas viel gesagt, Balvinder bietet individuelle Fahrten mit eigenem Fahrzeug an. Das beste was uns für Indien passieren konnte. In Absprache legten wir vorab eine Reiseroute fest, beginnend in Delhi, vorbei am Taj Mahal, quer durch Rajasthan bis zur Wüste Thar und in Udaipur endend. Morgens wurden wir vom Hotel abgeholt, tagsüber zu den Sehenswürdigkeiten gebracht und zur nächsten Stadt gefahren, abends gab es wieder einen Übernachtungsvorschlag. Ein toller Service.

Old Delhi

Old Delhi


Taj Mahal

Taj Mahal


Fort Amber, Jaipur, Rajasthan

Fort Amber, Jaipur, Rajasthan


Dorf in der Wüste Thar

Dorf in der Wüste Thar


Lake Pichola, Udaipur, Rajasthan

Lake Pichola, Udaipur, Rajasthan

Als wir den zweiten Teil der Indienreise ohne Balvinder antreten mussten – es standen noch „Ausflüge“ nach Varanasi, Amritsar und Kerala auf unserem Programm -, waren wir schon traurig. Aber Indien ist groß, sehr groß sogar, fast zehnmal so groß wie Deutschland. Deshalb nutzen wir für unsere „Ausflüge“ das Flugzeug.

Ganges, Varanasi, Uttar Pradesh

Ganges, Varanasi, Uttar Pradesh


Goldener Tempel, Amritsar, Punjab

Goldener Tempel, Amritsar, Punjab


Backwaters, Kerala

Backwaters, Kerala

Innerindische Flüge haben nicht den besten Ruf. Ich kann mich nicht beklagen, Air India war zuverlässig und pünktlich, das Gepäck kam immer an. Ok, das mit der Pünktlichkeit muss ich ein bisschen relativieren. Verspätungen gab es teilweise schon, sie wurden aber immer schon weit vorab per SMS (an meine deutsche Handynummer!) mitgeteilt. Der Kontrollwahn an indischen Flughäfen ist aber schon ungewöhnlich. Ich habe gelernt, dass es durchaus möglich ist, auf dem Weg vom Wartebereich am Gate bis zum Sitzplatz im Flugzeug insgesamt sechsmal den Reisepass und die Boardingkarte kontrollieren zu lassen. Und das Einchecken in das Airport-Hotel in Delhi ist auch ein Erlebnis der besonderen Art…

Warum jetzt aber eine Indien-Abschweifung? Nicht, dass ich gerne mal abschweife…

Die Tour im Sommer 2015 war für David Gilmour nur der Anfang. Eine Fortsetzung sollte es 2016 geben. Gehofft hatte ich das ja schon. Ein entsprechender Newsletter erreichte mich – der geneigte Leser, der es bis hier her geschafft hat, vermutet es schon – in Indien. Und natürlich gibt es auch in indischen Hotels freies WLAN (natürlich ist natürlich relativ, wenn man sich die Trostlosigkeit deutscher Hotels beim Thema freies WLAN ansieht…). Meist sogar in ziemlich guter Qualität. Aber nicht immer, zumindest nicht immer in allen Ecken des Hotels. So kam es, dass ich am Abend des Vorverkaufbeginns für die 2016er David-Gilmour-Konzerte in einem Hotelzimmer mit eher – nennen wir es mal so – limitierter Internetqualität saß. Ich hatte aber auch genau an diesem Abend ein etwas – nennen wir diesen Teil mal – mulmiges Magen-Darm-Gefühl. Und wollte das Zimmer im Hotel in Jodhpur nicht verlassen.

Mehrangarh Fort Jodhpur

Mehrangarh Fort Jodhpur


Jodhpur - Sonnenuntergang über der Blauen Stadt

Jodhpur – Sonnenuntergang über der Blauen Stadt


Jaswant Thada Jodhpur

Jaswant Thada Jodhpur

Obwohl auch 2016 wieder zwei Termine in der Arena von Verona auf dem Tourplan von David Gilmour standen, entschied ich mich für die Saline Royale d’Arc-et-Senans im östlichen Frankreich als Konzertort, insbesondere weil sich der Termin des Konzertes hervorragend für eine Geburtstagsreise eignete (und auch noch die Arena von Verona im Tourplan von Adele stand…).

Der Ticketverkauf lief über einen französischen Konzertveranstalter. Seine Webseite bietet zwar auch eine Umschaltung auf Englisch an, aber immer dann, wenn es spannend wird, sprich, man sollte verstehen, was man auswählt, wird die Webseite wieder sehr französisch. Und da meine Französisch-Kenntnisse sehr, sehr limitiert sind (was unter anderem an einer mir heute nicht mehr ganz nachvollziehbaren Entscheidung zu Schulzeiten, Alt-Griechisch statt Französisch als dritte Fremdsprache zu nehmen, liegen möge…), war die Ticketbuchung auch Glücksspiel. Dass die Webseite noch dazu aufgrund der schlechten Internetqualität dann auch noch mehrmals gerade beim Zahlvorgang streikte, brachte meine Zuversicht, dass das mit dem Konzert klappen würde, nicht gerade in neue Höhen. Aber irgendwann kam eine Email-Bestätigung – natürlich auf Französisch. Und ich war mir sicher, dass ich zwei Tickets gekauft hätte.

Der eine oder andere wird sich gefragt haben, wo denn die Saline Royale d’Arc-et-Senans ist. Ich habe mich das auch gefragt, ich wusste, dass es in der Nähe von Besançon sein musste. Und fand heraus – auch langsames Internet hilft da weiter -, dass die Königliche Saline ein Weltkulturerbe etwa 30 Kilometer südlich von Besançon ist. In einer Gegend wo es nach ziemlich viel Gegend aussieht. Um nach dem Konzert nicht noch ewig fahren zu müssen, wollte ich mich auch gleich noch um eine Unterkunft kümmern. Gesagt, getan.

Juli 2016

Bis wenige Tage vor dem Beginn der Reise nach Frankreich war ich der Überzeugung, dass es vom Hotel bis zum Ort des Konzertes nur ungefähr 100 Meter sein werden. Dem war allerdings nicht so. In meiner Euphorie hatte ich übersehen, dass es sich bei besagtem Weltkulturerbe um eine Stätte mit zwei Standorten handelte, der eine ist die Große Saline in Salins-les-Bains, der andere die Königliche Saline in Arc-et-Senans.

Die 100 Meter vom Hôtel des Deux Forts zu den Salines de Salins-les-Bains

Die 100 Meter vom Hôtel des Deux Forts zu den Salines de Salins-les-Bains


Saline Royale d’Arc-et-Senans

Saline Royale d’Arc-et-Senans

Nicht schwer zu raten: Das Hotel war 100 Meter von der Großen Saline in Salins-les-Bains entfernt, das Konzert war aber in der Königlichen Saline in Arc-et-Senans. Es gibt größere Dramen, noch dazu weil die beiden Stätten nur etwa 16 Kilometer voneinander entfernt sind. Und wir einen Mietwagen hatten. Und sich das Wetter an jenem Abend – im Widerspruch zur Wettervorhersage – traumhaft gestaltete. Und das wichtigste: Das Konzert von David Gilmour war der Hammer. Fast drei Stunden Pink-Floyd-Klassiker (allein für das wie immer unglaubliche Gitarrensolo von Comfortably Numb hatte sich der Aufwand gelohnt!) und David-Gilmour-Solonummern. Dass es nach Konzertende (es war 20 vor 1) noch fast zwei Stunden zum 16 Kilometer entfernten Hotelbett (das genaugenommen nicht mal eines war…) dauern sollte, spielte für mich an diesem Abend keine Rolle mehr.

Saline Royale d’Arc-et-Senans: Konzert von David Gilmour

Saline Royale d’Arc-et-Senans: Konzert von David Gilmour


Saline Royale d’Arc-et-Senans: David Gilmour - Comfortably Numb

Saline Royale d’Arc-et-Senans: David Gilmour – Comfortably Numb


Saline Royale d’Arc-et-Senans: David Gilmour

Saline Royale d’Arc-et-Senans: David Gilmour

Die eiserne Dame wird 125

La dame de fer – die eiserne Dame – ist besser bekannt unter dem Namen ihres Erbauers Gustave Eiffel (als Erfinder gelten zwei Ingenieure aus Eiffels Büro). Eiffel hatte einen Wettbewerb zur Weltausstellung 1889 gewonnen und schaffte es den Turm rechtzeitig vor dem Beginn der Ausstellung fertigzustellen (in Zeiten eines Berliner Flughafens oder einer Hamburger Elbphilharmonie eine doch bemerkenswerte Leistung). Die Bauarbeiten dauerten gerade mal gut zwei Jahre, Eröffnungstag und damit der Geburtstag der eisernen Dame war der 31. März 1889. Der ursprüngliche Plan, den Turm nach 20 Jahren wieder abzubauen, wurde zum Glück verworfen. Bis zur Fertigstellung des Chrysler Building in New York im Jahr 1930 blieb der Eiffelturm das höchste Gebäude der Welt.

Bei meinem ersten Besuch war der Eiffelturm noch keine 100, sah aber noch immer richtig gut aus. Paris war das erste Ziel der ersten Interrail-Reise 1985. Mehrere Besuche folgten im Laufe der Jahre, der jüngste kurz vor dem 125. Geburtstag des Turms Anfang März 2014. Der Grund für die für eine Parisreise eher ungewöhnliche Reisezeit war allerdings nicht dem Geburtstagskind zu gratulieren, sondern – für regelmäßige Leser des Reiseblogs erahnenswert – ein Konzert.

Joe Bonamassa, ein amerikanischer Rock-Blues-Gitarrist, plante auf seiner kurzen Europatour einen Stopp in der französischen Hauptstadt, zwei Abende im Le Grand Rex, dem nach Eigenwerbung schönsten Kino Europas.

Le Grand Rex Paris: Joe Bonamassa

Le Grand Rex Paris: Joe Bonamassa

Le Grand Rex Paris: Joe Bonamassa und Band

Le Grand Rex Paris: Joe Bonamassa und Band

Ein Blick auf die Wettervorhersage ließ für die Reisezeit nichts Gutes erwarten. Oder zumindest den einen oder anderen Museumsbesuch.

Wettervorhersage Paris

So viele Museen mussten wir gar nicht besuchen – wie man an den nachfolgenden Bildern des Geburtstagskindes erahnen kann.

Paris 1. März 2014

Paris 1. März 2014

Paris 1. März 2014

Paris 1. März 2014

Paris 1. März 2014

Paris 1. März 2014

Paris 2. März 2014

Paris 2. März 2014

Paris 3. März 2014

Paris 3. März 2014

Paris 3. März 2014

Paris 3. März 2014

Paris 3. März 2014

Paris 3. März 2014

Paris 4. März 2014

Paris 4. März 2014

Uns blieb nur die Zeit für den Besuch eines Museums – dem phantastischen Muséum national d’histoire naturelle. Und da schien draußen die Sonne.

Muséum national d’histoire naturelle Paris

Muséum national d’histoire naturelle Paris

Auch im 21. Jahrhundert bleibt die Wettervorhersage oftmals ein Wetterraten. Nichtdestotrotz kann die Vorhersage für Paris auch ganz anders aussehen, wie das nachfolgende Bild für die Tage nach unserer Abreise zeigt.

Wettervorhersage Paris

Das Geburtstagskind wurde nicht nur – wie die obigen Bilder es vermuten lassen – aus der Ferne begutachtet. Sondern natürlich auch besucht. Auf dem Weg zum Turm turteln zwei Raben direkt neben dem einzigen zu diesem Zeitpunkt blühenden Baum.

Marsfeld Paris: Zwei Raben mit Frühlingsgefühlen

Marsfeld Paris: Zwei Raben mit Frühlingsgefühlen

Ohne langes Anstehen – ich hatte die Eintrittskarten vorab gekauft – geht es zu den Aufzügen.

Eiffelturm Paris

Eiffelturm Paris

Zum ersten Mal in meiner fast 30-jährigen Beziehung mit der eisernen Dame erreiche ich die Spitze des Turms. Ich denke nicht nur für mich ein ganz besonderer Augenblick 🙂

Blick vom Eiffelturm - Sonnenuntergang

Blick vom Eiffelturm – Sonnenuntergang

Blick vom Eiffelturm - Paris

Blick vom Eiffelturm – Paris

Nach zwei Stunden geht die Party auf dem Turm zu Ende. Gut gelaunt geht es in Richtung Hotel.

Eiffelturm Paris

Eiffelturm Paris

Eine alte Liebe

Der im Artikel Interrail – Die Zweite erwähnte Ferienjob als Software-Entwickler war der Anfang einer langfristigen Zusammenarbeit. Mein Chef – er hatte die ebenfalls dort erwähnte Kleinanzeige ursprünglich aufgegeben – blieb in dieser Zeit immer derselbe. Die ersten Jahre in einer holzverarbeitenden Firma, später, er hatte sich zwischenzeitlich selbständig gemacht, in einem kleinen Unternehmen, das Verpackungen aus Wellpappe herstellte.

Während eines solchen Programmierer-Jobs in den Semesterferien des Frühjahrs 1988 (der Commodore 64 hatte inzwischen ausgedient und ich – bzw. mein Auftraggeber – war  auf den Commodore Amiga umgestiegen!) fragte mich mein Chef, ob ich für das bevorstehende Osterwochenende schon Pläne hätte. Ich hatte keine. Er meinte dann, er würde gerne zum Angeln nach Portugal fahren, an die Algarve, seine Frau hätte aber keine Lust für die lange Fahrt. Angeln ist nicht so mein Ding, aber unter der Bedingung stattdessen Ausflüge nach Lissabon und durch die Algarve machen zu können, stimmte ich zu.

Portugal 1988

Portugal 1988

Donnerstag am späten Nachmittags ging es los. 29 Stunden später – wir sind abwechselnd die rund 2500 km lange Strecke quer durch Frankreich und Spanien gefahren – kommen wir am Karfreitagabend in Lagoa, einem kleinen Ort an der Algarve, an.

Angeln an der Algarve

Angeln an der Algarve

Mein Chef angelte, ich schaute mir die Algarve an. Am Ostermontag ging es nach Lissabon! Beginnend mit dem Ausblick vom Cristo Rei in Almada und der Überquerung des Tejo über die Ponte 25 de Abril und endend in den Gassen der Altstadt. Obwohl Lissabon keine herausragende Sehenswürdigkeit hat, keinen Eiffelturm, kein Petersdom und keine Hagia Sophia, faszinierte mich die Stadt. Ok, mit dem Hieronymus-Kloster hat sie sogar eine absolute Top-Sehenswürdigkeit, aber nach Belém, in den Stadtteil, in dem das Kloster steht, kam ich bei meinem ersten Besuch gar nicht. Egal, mir gefiel die Stadt, mehr noch, es war der Beginn einer langen Liebe.

Zwei Tage später ging es zurück nach Hause, wieder in einem Rutsch die 2500 Kilometer. Über Sinn und Unsinn eines Angeltripps an die Algarve könnte man sicher streiten. Für mich war es die Gelegenheit ein neues Land, Portugal, kennen zu lernen. Und die Gelegenheit hatte ich genutzt.

Kurz nach dieser ersten Portugalreise meldete ich mich an der Volkshochschule für einen Portugiesisch-Kurs an. Welche Folgen diese Entscheidung – teilweise noch viele Jahre später – in meinem Leben haben sollte, konnte ich da nicht wissen. Aber das weiß man ja nie.

Bis zu meinem nächsten Besuch in Lissabon sollte es nur zwei Jahre dauern. Nicht in einem 5er BMW wie beim ersten Mal, sondern mit einem geliehenen, damals schon 17 Jahre alten Opel Kadett (der auch nach dieser Reise noch viele Jahre weiter existierte) ging es in den Süden. Es war der Start der schon im Terceira-Artikel erwähnten Azoren-Reise im Herbst 1990.

Camping am Straßenrand

Camping am Straßenrand

Jegliche Mautstrecken – wenn es irgendwie ging – meidend und nur jeweils wenige Stunden im notdürftig aufgebauten Zelt schlafend schafften mein Mitreisender und ich die 2200 Kilometer in ziemlich genau 48 Stunden. Spät abends kamen wir auf der Südseite des Tejos, kurz vor Lissabon, an. Im Dunkeln bauten wir das Zelt abseits der Straße auf.

Zeltaufbau im Licht der Autoscheinwerfer

Zeltaufbau im Licht der Autoscheinwerfer

Erst am nächsten Morgen merkten wir, dass wir uns mitten in einem Sumpfgebiet befanden.

Zelten zwischen Sümpfen

Zelten zwischen Sümpfen

Einen Tag zur Besichtigung Lissabons hatten wir noch, bevor es mit dem Flugzeug auf die Azoren weiter gehen sollte. Neben Baixa und Alfama war dieses Mal auch Belém ein Teil dieser Besichtigung. Besonders blieb mir das Abendessen in einem kleinen Restaurant in der Alfama in Erinnerung. Außer uns waren nur Einheimische anwesend und wir unterhielten uns mit Händen und Füßen (meine Portugiesisch-Kenntnisse waren – wie sich schnell raus stellte – noch nicht so praxistauglich) über Gott und die Welt.

Mir gefiel das kleine Restaurant so gut, dass ich es bei meinem nächsten Besuch in Lissabon, wiederum zwei Jahre später, in den Gassen der Alfama suchte und auch wiederfand. Auf dieser Reise im Sommer 1992 – direkt nach der Abgabe meiner Diplomarbeit – hatte ich mehr Zeit, insgesamt drei Wochen. Natürlich nicht nur für Lissabon. Neben einem Abstecher zur Weltausstellung ins spanische Sevilla bereiste ich viele Teile Portugals, von den Stränden der Algarve bis zum Nationalpark Peneda-Gerês an der Grenze zu Galizien ganz im Norden. Ich nutzte nur öffentliche Verkehrsmittel (oder trampte mal), hatte einen großen und einen kleinen Rucksack dabei und übernachtete auf Campingplätzen (besonders „toll“ war derjenige von Sevilla, er liegt direkt in der Einflugschneise des dortigen Flughafens).  In Lissabon hatte ich die Zeit, durch Stadtteile zu streifen, die man sich bei Kurzbesuchen nicht anschaut.

Campingplatz Lissabon

Campingplatz Lissabon

Was mir auf der 92’er Reise durch Portugal fehlte, war Flexibilität. Kleinere Orte und das Hinterland sind mit Bussen und Bahnen teilweise schwer, oft gar nicht zu erreichen. Das wollte ich bei meiner nächsten Reise ändern. Wiederum eine Weltausstellung spielte dabei eine Rolle. Die EXPO 1998 in Lissabon war der konkrete Anlass nach Portugal zu fliegen. An zwei Tagen besuchte ich die am Ufer des Tejo gelegene Ausstellung. Auch für einen Stadtrundgang blieb genügend Zeit. Für das Landesinnere hatte ich dieses Mal einen Mietwagen, mit dem ich durch den Alentejo, die nördlich davon gelegene Beira (die mir besonders gut gefallen hat) und die Estremadura kurvte.

Durch den Altentejo

Durch den Altentejo

Auch auf dieser Tour hatte ich mein Zelt dabei und übernachtete auf Campingplätzen. Noch heute könnte ich mich über die beiden Holländer aufregen, die es auf dem Campingplatz – ich glaube es war in Guarda – doch geschafft haben, ihr Zeit – während ich noch unterwegs war – direkt vor meinem aufzubauen. Und das, wo wir auf dem Campingplatz fast allein waren, und es reichlich Platz gab. Mein Anschnauzen hatte immerhin zur Folge, dass sie morgens, als ich aufstand, schon weg waren.

2002, kein Zelt und kein Campingplatz, allerdings auch nur ein Wochenende in Lissabon. In den Jahren davor hatte ich aufgrund meiner Wochenendbeziehung reichlich Lufthansa-Meilen angesammelt. Und bevor diese verfallen, hatte ich für mich und meine Freundin davon Flüge nach Lissabon gebucht. Übernachtet haben wir im ibis-Hotel José Malhoa, nicht sehr zentral gelegen, aber mit einer Metro-Station in der Nähe.

hotel ibis José Malhoa

hotel ibis José Malhoa

Besonders schön war das abendliche Lissabon mit Blick vom Castelo de São Jorge – vor einem die Baixa, dahinter in leichtem Nebel der Tejo, das Monumento Cristo Rei und die Ponte 25 de Abril.

Sieben Jahre sollte es dauern, bis ich das nächste Mal nach Lissabon kommen sollte. Im Gegensatz zu mir sind meine Eltern nie viel gereist, insbesondere der Respekt vor Ländern, in denen nicht Deutsch gesprochen wurde, schien recht groß zu sein. Daher beschloss ich vor ein paar Jahren, ihnen für jeweils ein verlängertes Wochenende einen Teil meiner Welt zu zeigen, die Welt des Reisens. An einem solchen Wochenende sind wir im Juli 2009 nach Lissabon geflogen. Übernachtet haben wir in Oeiras, einem kleinen Ort an der Costa de Lisboa. Das Wetter war hervorragend, vom Stadtbummel durch Lissabon – einschließlich einer kurvigen Fahrt mit der Elétrico durch die Altstadt – über Baden im Atlantik bis zur Serra de Sintra gab es viel an Programm. Ich denke, ich konnte ihnen ein wenig meine Begeisterung für Lissabon vermitteln.

Und ich? Ich freue mich auf meinen nächsten Besuch in Lissabon.

P.S.: Mein Chef, mit dem ich 1988 erstmals nach Lissabon kam, ist inzwischen gestorben. Seine Zuneigung zu Lissabon habe ich aber schon vor langer Zeit übernommen.

Interrail – Die Dritte

Während meine erste Interrail-Reise wettertechnisch fast alles bot, von Dauerregen in Schottland bis Sonnenbrand an der Adria, war die zweite Auflage eher ein kühles Unterfangen – wie man es in Skandinavien irgendwie auch erwartet. Die dritte Europa-Tour im Zug im Sommer 1988 war das komplette Gegenteil davon, es war einfach nur heiß. Griechenland erlebte Temperaturen von fast 40 Grad.

Aber der Reihe nach. Bei meinen ersten beiden Interrail-Touren hatte ich schon viele Teile Europas durchstreift. Ich war ganz im Norden, viel im Westen und in Italien. Der Osten – wir befinden uns in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts – war, wenn überhaupt, nur relativ schwierig zu bereisen, schon gar nicht mit den Möglichkeiten eines Interrail-Tickets (Ausnahmen bestätigen auch hier wiedermal die Regel, wie man gleich sehen wird). Was noch blieb waren der Südosten und Südwesten Europas. Der Südwesten mit der iberischen Halbinsel schien mir damals nicht so reizvoll, in Portugal war ich, wenn auch kurz, im Frühjahr des gleiches Jahres. Und Spanien verlangte für viele Züge Zuschläge, was es auch nicht sehr verlockend machte. Der Südosten, der Balkan, war aber noch völliges Neuland.

Interrail Ticket 1988

Interrail Ticket 1988

Jugoslawien – das es damals noch gab – gehörte zwar zum Ostblock, spielte aber nicht nur politisch seine eigene Rolle, sondern war auch Mitglied im Interrail-Verbund. Dorthin sollte es als erstes gehen. Start in Schaffhausen, kurz hinter der deutschen Grenze, nicht weit weg von Donaueschingen. Durch die Schweiz und Österreich finden wir – auf dieser Reise begleitetete mich ein Studienfreund – den Weg nach Zagreb. Die heutige Hauptstadt Kroatiens gibt zwar keinen offensichtlichen Anlass, aber irgendwie herrscht doch ein gewisser Respekt vor dem „Osten“. Eine Art von Gefühl, das mich auch auf späteren Reisen immer mal wieder beschleicht, das aber fast immer – wenn man dann mal dort ist – völlig unbegründet ist.

Von Zagreb geht es auf langer Fahrt quer durch Jugoslawien nach Thessaloniki. Eine recht angespannte Zugfahrt. Unter Interrailern kursieren Geschichten über Überfälle und ähnliches auf diesem Streckenabschnitt. Uns passiert aber nichts.

Der Norden Griechenlands bildet ein schmaler Streifen entlang des Ägäischen Meeres. Diesen durchqueren wir in östlicher Richtung und machen dabei einen Badestopp in Alexandropolis. Da ich dazugelernt hatte, legte ich mich unter einen großen Sonnenschirm, bevor ich am dortigen Strand einschlief. Als nicht gerade kleiner Mensch ragten aber meine Füße darunter hervor…

Interrail Karte 1988

Interrail Karte 1988

Auf der Oberseite meiner Füße holte ich mir einen ausgewachsenen Sonnenbrand. Das Tragen von Schuhen war eine einzige Qual. Es half alles nichts, die Reise musste ja weitergehen. Und als nächstes stand Istanbul auf dem Programm. So lief ich die nächsten zwei Tage barfuß durch Istanbul. Das war – erstaunlicherweise – auch weitestgehend kein Problem, nur Wege, die den ganzen Tag schattenlos waren, galt es lieber zu meiden…

Istanbul – eine unglaublich vielseitige und aufregende Stadt – bot auch eine Neuerung in meinem Interrailleben: Die bezahlte Übernachtung. Sinnvolle Nachtzüge nach irgendwohin und zurück gab es nicht. Und der kleine Bahnhof bot auch keine brauchbaren Ecken. Zu dritt teilten wir uns ein Zimmer in einer sehr einfachen Unterkunft. Istanbul bot noch eine zweite Neuerung in meinem Leben: Das erstmalige Verlassen Europas. Ohne viel Aufwand fährt man mit der Fähre über den Bosporus und schon ist man in Asien!

Von Istanbul ging es in zwei Nächten und einem Tag durch das nördliche Griechenland nach Kalambaka. Überfüllte Züge. Und Stehklos – aus hygienischen Gründen kann man in einem Stehklo ja auch Vorteile sehen, wenn aber der Zug – trotz oder vielleicht gerade wegen seiner unendlichen Langsamkeit – ständig durchgerüttelt wird, sind diese eine wahre Herausforderung. Und entsprechend sahen sie aus. Dazu die Hitze. Der Versuch in der Gepäckablage zu schlafen, scheitert kläglich. Dort ist es noch wärmer.

Griechenland 1988: Im Abteil

Griechenland 1988: Im Abteil

Und wo ist Kalambaka? Es liegt am Fuße der Metéora-Klöster, Klöster, die sich auf der Spitze von steil-aufragenden Felsen befinden. Früher konnten diese nur über abenteuerliche Seilwinden erreicht werden. Im öffentlichen Bus, der die Touris zu den Klöstern bringt, herrscht Arbeitsteilung: Es gibt den Fahrer, es gibt den Fahrkartenverkäufer. Und es gibt den Fahrkartenkontrolleur, der die Fahrkarten, die sein Kollege gerade verkauft hat, wieder einsammelt. Ein Arbeitsbeschaffungsprogramm auf griechisch.

Von Kalambaka weiter in Richtung Delphi. Nur nicht nach Fahrplan (der auch – wenn nicht gerade „Drähn kabut“ – höchstens eine Absichtserklärung darstellt). Irgendwann kommt ein Zug. Zuckeln bis Paleofarsalos (im Frühjahr 2008 – fast genau 20 Jahre nach meinem ersten Besuch – staune ich Bauklötze, als ich im Rahmen einer Balkanrundreise wieder zu den Metéora-Klöstern komme, und einen durchgehenden Intercity nach Athen auf den Bahnhofsgleisen Kalambakas sehe). Warten. Weiterzuckeln in Richtung Süden. Außerplanmäßiges Ende in Bralos. Waldbrände verhindern die Weiterfahrt. Es ist schon Nacht. Zu fünft nehmen wir ein Taxi nach Delphi. Am Taxi funktioniert nur das Fernlicht. Kommt ein Auto entgegen, schaltet der Fahrer „zur Sicherheit“ das Licht ganz aus…

In Delphi kommt zum ersten Mal eine weitere Internet-Neuheit zum Einsatz: Die Isomatte. Zwischen ein paar Bäumen unweit des Einganges zum Ausgrabungsgelände breite ich sie aus und schlafe so gut, dass ich erst durch anrückende Besucher am Morgen mit ihren Unterhaltungen geweckt werde. Abends mit dem Bus nach Levadia. Die Nacht auf dem Bahnhof. Mit dem ersten Zug am Morgen in die griechische Hauptstadt Athen.

Athen finde ich enttäuschend. Es gibt die interessanten antiken Ruinien, Akropolis und Agora beispielsweise. Und dann? Die Stadt scheint danach in einen Jahrtausende langen Schlaf gefallen zu sein. Nicht wie Rom – die andere große Stadt der europäischen Antike -, die heute Sehenswertes aus vielen Jahrhunderten der Geschichte bietet.

Von Piräus – dort nächtigten wir in einer einsamen Ecke des Hafens – geht es mit Fähren und Zwischenstopps auf Ägina und Angistri auf den Peloponnes. Das Theater in Epidauros, die Zahnradbahn Diakopton – Kalavrita und das antike Olympia stehen auf dem Programm. Nachtzüge gibt es hier nicht. Übernachtet wird entweder auf dem Bahnhof oder einfach irgendwo, der Isomatte sei Dank!

Tagsüber sind die Züge meist voll, man ist froh, überhaupt einen Platz zu bekommen.

Griechenland 1988: Im Gepäckwagen

Griechenland 1988: Im Gepäckwagen

Dieses Bild war eines von drei Gewinnerbilder eines Wettbewerbes, den GEO Saison zu ihrem 20-jährigen Bestehen durchführte. In diesem Wettbewerb suchte die Zeitschrift Bilder aus ihrer Gründungszeit.

Mit der Fähre ging es über die Adria von Patras ins italienische Brindisi. Die Fähre ist auch der Grund für die blaue Farbe des Interrail-Tickets. Mit der Option „+ Schiff“ durfte man nicht nur alle nicht-deutschen Züge nutzen, auch bestimmte Fähren waren damit kostenlos. Von Brindisi mit einem Zwischenstopp in Tarent nach Reggio di Calabria. Dort mal wieder eine Nacht auf dem Bahnhof. Morgens die Fähre nach Messina. Sizilien! Zug nach Catania. Nicht, dass ich mir Catania anschauen wollte. Nein, das Ziel ist der Ätna. Auf der Suche nach einer Fahrgelegenheit, die uns Richtung Gipfel bringen soll, geraten wir in eine merkwürdige Situation. Erst später wird uns bewusst, dass wir übers Ohr gehauen werden sollten (was den Betrügern aber nicht gelingt, weil uns schlichtweg das nötige „Kleingeld“ fehlte). Mit einem Bus gelangen wir schließlich in höhere Regionen des Ätnas, allerdings noch weit weg vom Gipfel. Dort laufen wir noch stundenlang über die Weiten der Lavafelder. Abends kommen wir per Anhalter und einem Bus zurück nach Catania, fahren von dort mit dem Zug nach Syrakus. Leider macht der Bahnhof in Syrakus über Nacht zu, so dass wir uns zu mitternächtlicher Stunde noch eine Unterkunft suchen müssen.

Die Fahrt von Syrakus, beginnend am nächsten Abend, in Richtung Norden war dann eine äußerst merkwürdige. Eine im Mülleimer des Toilettenabteiles gefundene Handtasche, die erst niemand vermisst, dann aber doch jemandem gehört. Und das Schussloch im Fenster! Mitten in der Nacht schrecken wir durch ein Geräusch auf. Die äußere Scheibe des Abteils hat ein Loch. Es war wohl nur die Kugel eines Luftgewehrs. Aber richtig ruhig kann man danach auch nicht mehr schlafen…

Mailand ist die letzte Station der „Hauptreise“, viel Zeit für die Besichtigung der Stadt bleibt allerdings nicht mehr, da der Syrakus-Zug nicht nur seltsame Ereignisse mit sich brachte, er hatte auch mehrere Stunden Verspätung. Am Nachmittag geht es weiter nach Hause.

Die Schweiz (u.a. mit dem Glacier-Express von Brig nach Chur) und ein abschließendes Wochenende in Paris sind die letzten Ziele dieser Reise.

Nicht nur diese Interrail-Tour ist damit vorbei, auch die Interrail-Zeit insgesamt ist damit für mich zu Ende (oder vielleicht doch nicht? Inzwischen gibt es das Interrail-Ticket ja für jede Altersklasse…), die Zeit der großen Bahnreisen fast auch. Nur noch ein gelegentliches Aufflackern, aber nicht mehr in Europa.

Interrail – Die Zweite

Die Sommerferien 1985 bestanden aus zwei Teilen, meiner ersten Interrail-Reise und einem Ferienjob. Vom im Ferienjob verdienten Geld hatte ich mir meinen ersten eigenen Computer gekauft, einen Commodore 64, gebraucht für 400 D-Mark. Schon ein paar Monate später erwies sich dies als glückliche Entscheidung. Von einem Schulfreund bekam ich eine Kleinanzeige, in der ein Nebenjob als Programmierer für den C 64 gesucht wurde. Ich bekam nicht nur diesen Nebenjob (und mit ihm zum ersten Mal Geld für selbst geschriebene Software!), sondern darüber hinaus auch einen Ferienjob im Sommer 1986.

1986, die Schulzeit war zu Ende, das Studium scheinbar noch weit weg, und ich hatte meinen ersten richtigen Job als Software-Programmierer. Und richtig hieß in diesem Fall, dass ich sogar Urlaubsgeld bekam! Zwei der drei Wochen der bevorstehenden zweiten Interrail-Reise waren bezahlter Urlaub! Das klingt jetzt vielleicht wenig aufregend, für mich war es aber einfach unglaublich.

Und das Ticket selbst bekam ich von meinen Eltern als Geschenk zum Abitur bezahlt.

Interrail Ticket 1986

Interrail Ticket 1986

Während die erste Interrail-Reise in den Westen und Süden Europas ging, sollte es dieses Mal in den Norden gehen. Dies hatte allerdings auch einen Nachteil: Das Interrail-Ticket ist nur für Länder außerhalb Deutschlands gültig, will man Züge in Deutschland nutzen, muss man den halben Fahrpreis bezahlen. Donaueschingen liegt nun aber ganz im Süden Deutschlands, es ist das kleine rote DS auf der Karte. Um kostengünstig nach Skandinavien zu kommen, braucht man deshalb viel Zeit.

Von Straßburg (dorthin fuhren uns – neben mit war noch ein Freund dabei – meine Eltern mit dem Auto) nach Paris-Ost, Wechsel zu Fuß nach Paris-Nord, weiter ins belgische Lüttich, dort die Nacht auf dem Bahnhof. Am nächsten Morgen von Lüttich über Maastricht, Utrecht, Amersfoort und Groningen zum kleinen niederländischen Grenzort Neuschanz. Mit einem Bus auf die deutsche Seite der Ems nach Leer, nicht damit rechnend deutsches Kleingeld dafür zu brauchen. Da der Busfahrer meinen 50 D-Mark-Schein nicht wechseln konnte (oder wollte), musste ich mir Geld von Mitreisenden borgen. Weiter mit dem Daumen nach oben (ist schon mal aufgefallen, dass man heute kaum noch Tramper an Deutschlands Straßen sieht?). Von Leer mit dem Auto über Bremen nach Hamburg (letztere Strecke in irgendeinem Sportwagen mit Vollgas durchgehend auf der linken Spur).

Der Nachtzug Hamburg-Kopenhagen ging erst sehr spät am Abend, so dass noch Zeit zum Stadtbummel in Hamburg war. Und hier kommt auch mein Ferienjob wieder ins Spiel. Diesen hatte ich nämlich bei „Fürstenberg Holz“, dem unbekannten Bruder der „Fürstenberg Brauerei“. Beide nutzen aber das gleiche fürstliche Logo. Und ein T-Shirt mit diesem  Logo trug ich an jenem Tag.

Wegen des T-Shirts mit dem Fürstenberg-Logo wurde ich angesprochen. Von einem in St. Pauli tätigen Sozialarbeiter, der früher einmal in Donaueschingen gelebt oder gearbeitet hatte (oder beides, genau weiß ich das nicht mehr). Was folgte, war eine Hinter-den-Kulissen-durch-St.-Pauli-über-die-Reeperbahn-Tour. Er kannte jeden, jeder kannte ihn. Ganz schön interessant und aufregend für jemanden vom Land…

Mit Zug und Fähre ging es in der Nacht nach Kopenhagen, von dort aus in der folgenden Nacht wiederum mit Zug und Fähre nach Oslo. Die Tage in Norwegen verbrachte ich zum Großteil im Zug, nicht nur nachts als Übernachtungsstätte, sondern auch tagsüber. In den Zügen der Bergen-, Flam- und Nordland-Bahn bekommt man viel vom Land der Fjorde zu sehen. Für Städte wie Trondheim und Bergen blieb nur wenig Zeit.

Interrail Karte 1986

Interrail Karte 1986

Nach Norwegen kam Finnland an die Reihe: Mit dem Zug durch das südliche Schweden nach Stockholm, von dort mit der Nachtfähre nach Turku. Die Nachtfähre, welch ein Luxus! Eine gepolsterte Liege! Eine willkommene Abwechslung zu den Zugübernachtungen der Tage zuvor. Die skandinavischen Züge haben oft nur Großraumwägen, und in denen schläft es sich deutlich schlechter als in einem „dünn“-besetzten Abteil. Von Turku ging es im Nachtzug in den finnischen Osten, morgens weiter entlang der sowjetischen Grenze in die finnische Hauptstadt Helsinki. Aus dem fahrenden Zug konnte man ein Blick hinter den eisernen Vorhang werfen, zumindest glaubten wir das.

Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass ich ein paar Jahre später für zwei Monate in Helsinki leben würde (und dann einen Wochenendausflug nach St. Petersburg machen würde, in die Stadt, die jetzt im Jahr 1986 noch Leningrad hieß und für einen Interrailer nicht erreichbar war). Helsinki ist – wie fast alle nordischen Städte – recht überschaubar. An einem Tag kann man viele der Sehenswürdigkeiten abklappern.

Der Weg führte uns vom Süden Finnlands in dessen Norden, zu Fuß ging es über die Grenze, vom finnischen Tornio ins schwedische Harapanda. Wenn auch schon recht weit im Norden, so doch immer noch südlich des Polarkreises. Will man den Polarkreis überqueren gibt es mit der Bahn nur die Möglichkeit weiter nach Narvik zu fahren. Narvik – in Norwegen gelegen – liegt am Ende der Ofot-Bahn und ist hauptsächlich für seinen großen Eisenerzverladehafen bekannt. Kommt man in Narvik erst am frühen Abend an (und will von der Stadt noch etwas sehen), so gibt es keine Möglichkeit mehr für einen Nachtzug. Man braucht eine andere Übernachtungsmöglichkeit. Eine Bank im Wartesaal des Bahnhofes. Nur der Bahnhof schließt in der Nacht für ein paar Stunden. Und draußen ist es – auch im August – frostig kalt, besonders dann, wenn man ohne Schlafsack und Isomatte unterwegs ist. Ein abgestellter, nicht verschlossener Bauwaggon bietet die Rettung, zumindest bis früh morgens der Bahnhof wieder öffnet.

Narvik ist der nördliche Wendepunkt der Reise (eine Weiterfahrt zum Nordkap ist ohne eigenes Fahrzeug kaum möglich), jetzt geht es nur noch südwärts. Stockholm (bei schönstem Wetter) und Göteborg (bei Regen) werden besucht. Weiter mit Fähren und Zügen bis nach Hamburg. In Hamburg ist gerade Dom, das große Vergnügungsfest auf dem Heiligengeistfeld. Ein – für mich – einzigartiges Erlebnis: Ich fahre zum ersten und zum letzten (!) Mal in meinem Leben Achterbahn! Ein unbeschreiblicher Horror. Die schlottrigen Knie sind mir bis heute in Erinnerung.

Von Hamburg sollte es wieder per Trampen nach Holland gehen. Nach der Nacht auf dem Hauptbahnhof suchen wir uns eine breite Straße und stellen uns mit dem Daumen nach oben an den Straßenrand. Mit dem ersten Auto, das uns irgendwann mitnimmt, kommen wir nicht weit. Bis Hittfeld, nur ein paar Kilometer südlich von Hamburg. An eine Autobahnauffahrt, die niemand zu nutzen scheint. Als nach Stunden (!) ein Auto hält und uns mitnimmt, vergesse ich meine Brille, ich hatte sie – müde vom ewigen Warten für ein Schläfchen auf dem Seitenstreifen abgenommen  – liegen lassen. Zum Glück fiel mir mein unscharfes Leben schnell auf…

Ich hatte nicht nur das Glück, meine Brille unbeschädigt wieder zu bekommen, das weitere Glück war auch, dass sich das stundenlange Warten gelohnt hatte. Unser Fahrer wollte bis nach Jülich. Nur einen Katzensprung weg von Aachen. In Aachen empfängt uns ein warmer, nachts nicht schließender Wartesaal. Früh morgens soll es mit dem Zug nach Brüssel gehen, ein Plan, der im ersten Anlauf scheitert, da wir Brüssel verschlafen und nachdem wir es merken und zu weit gefahren sind, erst wieder umdrehen müssen.

Die Reise geht ihrem Ende entgegen, Amsterdam (mit einem feucht-fröhlichen Besuch der Heineken-Brauerei) und Paris stehen noch auf dem Programm. Dann über die Schweiz zurück nach Donaueschingen. Ein Eintagestripp auf das Jungfraujoch und eine Wochenendfahrt nach Wien kommen noch dazu.

Die zweite Interrail-Reise ist vorbei. Bis zur dritten (und letzten) werden zwei Jahre vergehen.