Steine im Dom

Von meinen jährlichen Treffen mit alten Studienfreunden habe ich schon berichtet. Mit einem aus dieser Gruppe hatte ich meine Diplomarbeitszeit am Stuttgarter Max-Planck-Institut für Metallforschung verbracht (speziell im A-Raum – was für ein unglaublich einfallsreicher Namen für ein Labor! Und ja, den B-Raum gab es auch… – des Pelletron-Gebäudes). Dieser Freund promovierte später und ging für eine Post-Doc-Stelle 1994 nach Japan. Gerne dürfe ich ihn doch auch dort mal besuchen…

Ich hatte Europa zu diesem Zeitpunkt noch nie verlassen (mit einem gewissen geologischen Anspruch könnte man sagen, dass der westliche Teil Islands zu Amerika, Teile der Azoren gar zu Afrika gehören…), finanziell war das während des Studiums (oder gar davor) und jetzt – mitten in meinen Osnabrücker Windkraftzeiten – einfach nicht drin. Aber ich ließ mich zu der Aussage hinreißen, wenn er Karten für die Rolling Stones in Tokio besorgen würde, dann würde ich zu dem Konzert mitkommen (woher ich von diesen Konzerten wusste – man darf nicht vergessen, 1994 ist noch das Vor-Web-Zeitalter (zumindest was den allgemeinen Privatgebrauch betrifft) -, kann ich heute nicht mehr sagen). So richtig ernst, habe ich das nicht genommen und Tickets bekommt man bestimmt auch nicht so leicht.

Ich denke, es war um die Weihnachtszeit 1994, als ich erfuhr, dass mein Studienfreund zwei Tickets für ein Rolling Stones-Konzert am 17. März 1995 bekommen hatte. In Tokio. Nun musste ich nur noch meinen Teil des Versprechens einlösen…

Ich kratzte mein Geld zusammen, hatte die Aussicht durch einen Windkraft-Vortrag ein paar Yen zuverdienen und die Möglichkeit in einer Studentenunterkunft umsonst übernachten zu können. Mit deutschem Wein und mehrsprachigen (!) Osnabrück-Bildbänden im Gepäck (als Gastgeschenke für die Unterkunftsverwalterin und den Professor, der meinen Vortrag organisierte) ging es los.  Zug von Osnabrück nach Düsseldorf, kurzer Hüpfer nach Brüssel und weiter nach Tokio.

Für den Weg von Narita, den nordöstlich von Tokio gelegenen internationalen Flughafen, nach Hiratsukaka, den Ort der Post-Doc-Stelle meines Studienfreundes (und südlich von Tokio gelegen), hatte ich eine genaue Beschreibung in der Tasche. Flughafenzug nach Shinjuku im Zentrum Tokios, dort in einen Zug der Odakyū Odawara Line, einer S-Bahn-artige Vorortbahn, umsteigen und am Bahnhof Hadano wieder raus. Hört sich einfach an, oder? Für den Flughafen stimmt das auch, da ist das meiste auch auf Englisch angeschrieben. In Shinjuku aber nicht. Die Abfahrtsgleise der Odakyū Odawara Line hatte ich schnell gefunden, nur ist diese Line genaugenommen zwei Linien. Und nur auf einer Linie liegt mein Zielbahnhof. Ich zeige meinen Zettel mit den japanischen Schriftzeichen meiner Endstation herum und irgendwann heißt es, das sei mein Zug. „Heißt es“ ist eigentlich falsch, die Japaner sind hilfsbereit, vermeiden aber das gesprochene (englische) Wort.

Ich komme an und freue mich auf die Unterkunft in Hiratsuka. Sie bietet bei klarem Wetter einen Blick auf Japans heiligem Berg, dem Fuji.

Hiratsuka mit Fuji

Hiratsuka mit Fuji

An weniger klaren Tagen – das waren leider die meisten während meines knapp zweiwöchigen Aufenthalts – hat  man immer noch den Ausblick auf eine Straßenbaustelle vor dem Haus. Das klingt jetzt nicht besonders spannend, ist es wohl auch nicht, hat aber – zumindest für einen Nicht-Japaner – einen gewissen Unterhaltungswert. Der Verkehr an der Baustelle wird durch – in schicke Uniformen und weiße Handschuhe gekleidete – Menschen geregelt, die sogenannten „Winker“, einen Namen, den sie von mir aufgrund ihrer Tätigkeit bekamen. Und sie taten das – und tun es vielleicht noch immer – mit einer unglaublichen Gewissenhaftigkeit…

Neben dem oben erwähnten Windkraft-Vortrag stehen in den ersten Tagen Ausflüge in die nähere Umgebung an, darunter das nicht enden wollende Häusermeer Tokios, die Kleinstadt Odawara und die Insel Enoshima. Selbst in Tokio sieht man wenige westliche Touristen, außerhalb fast gar nicht. Und das „Sehen“ ist in diesem Fall einfach, da die meisten Nicht-Japaner selbst in Menschenmeeren aufgrund ihrer Körpergröße immer schnell sichtbar sind. An das Fehlen lateinischer Buchstaben gewöhne ich mich schnell. Ausgerüstet mit den Schriftzeichen der wichtigsten Orten komme ich überall klar. Und richtig genial sind die Shokuhin sampuru, nachgemachte Nahrungsmittel aus Plastik, die sich im Schaufenster eines jeden Restaurants befinden.

Shokuhin sampuru

Shokuhin sampuru

Und Shokuhin sampuru gibt es nicht nur für Essen…

Shokuhin sampuru

Shokuhin sampuru

Verhungern kann man also nicht. Und obwohl das Preisniveau in Japan relativ hoch ist – die wahrscheinlich bis heute teuerste Dose Bier in meinem Leben trinke ich im Hard Rock Cafe Tokios -, ist das Essen in einfachen Restaurants bezahlbar und gut.

Um nicht nur Tokio und seine Umgebung kennenzulernen, habe ich schon vor der Reise den Japan Rail Pass gekauft (das „vor der Reise“ ist wichtig, man bekommt den Pass nur im Ausland!). Mit ihm hat man die Möglichkeit alle Züge von Japan Rail für einen bestimmten Zeitraum ohne zusätzliche Kosten zu nutzen, insbesondere auch die Hochgeschwindigkeitszüge Shinkansen.

Japan Rail Pass

Japan Rail Pass

Ausflüge in die Hunderte Kilometer entfernten Städte Sendai (relativ weit im Norden Honshus), Kyoto und Nara (beide südwestlich von Tokio gelegen) sind damit problemlos an einem Tag möglich. Morgens hin, abends zurück. Kyoto vermittelt einen gewissen Eindruck des „alten“ Japans, die Stadt hatte als eine der wenigen Städte Japans das Glück, nicht im Zweiten Weltkrieg zerstört zu werden. Ein Tagesausflug nach Hiroshima (seine Zerstörung durch eine Atombombe jährt sich heute das 65. Mal) klappt nicht, die Shinkansen-Linie dorthin ist durch ein schweres Erdbeben teilweise zerstört.

Noch fehlen allerdings die „Auslöser“ der Japan-Reise. Die Rolling Stones. An insgesamt sieben Abenden treten sie im Rahmen ihrer Voodoo Lounge-Tour im Tokyo Dome, einem überdachten Baseballstadion für über 50000 Zuschauer, auf.

Wir haben Tickets für die Tribüne, was für die hinter uns stehenden Japaner zumindest eine gewisse Möglichkeit bietet, auch etwas zu sehen (alle Plätze im Stadion sind zwar Sitzplätze, aber alle Besucher stehen mit Beginn des ersten Tones von Not Fade Away auf, und das obwohl der Stadionsprecher doch gesagt hatte, man solle während des Konzertes sitzen bleiben…). Das allgemeine Aufstehen ist nicht das einzig Auffallende, ein Großteil des Publikums ist im Anzug gekommen, oft mit Aktentasche (was wohl am frühen Beginn des Konzertes liegt), und spendet Beifall eher zurückhaltend. Ein kurzes Klatschen am Ende jeder Nummer, das wars. Da fallen die wenigen Westler im Publikum gleich wieder auf…

Tokyo Dome: The Rolling Stones

Tokyo Dome: The Rolling Stones

Der frühe Beginn des Konzerts hatte auch ein frühes Ende zur Folge. Mit einem Vorortzug ging es „nach Hause“. Wir unterhielten uns auf Deutsch. Das erregte die Aufmerksamkeit eines älteren Japaners, der sich als Medizinprofessor vorstellte. Er berichtete davon, dass er regelmäßig in Hamburg gewesen ist, und dadurch auch ein wenig Deutsch gelernt hat. Um das Gespräch noch fortzusetzen lud er uns auf ein Essen in einem japanischen Restaurant ein. Mit Sushi und reichlich Sake, dem japanischen Reiswein, wurde es ein lustiger Abend. Später folgten noch ein paar Dosen Bier und Indiana Jones im Gemeinschaftsraum der „heimischen“ Unterkunft.

Am Tag drauf begann das große Leiden, nicht wegen Sake und Bier, vielmehr hatte mich die japanische Grippe erwischt. Die Ausflüge nach Kamakura und in den Fuji-Hakone-Izu-Nationalpark konnte ich leider nur noch bedingt genießen. Der ewig-lange Rückflug nach Europa war in der trocknen Flugzeugluft ein ziemlicher Horror. Dabei hatte ich großes Glück und ging dem wahren Horror aus dem Weg. Am Morgen meines Rückfluges waren die Giftgasanschläge in der Tokioter U-Bahn.

Japan war ein Erlebnis, keine Frage. Auf der Liste der Länder, die ich für eine Reise in den Fernen Osten empfehlen würde, steht es aber nicht ganz oben. Im Vergleich zu China oder den Staaten Südostasiens ist es sehr teuer, auch die touristischen Höhepunkte sind – wenn man nicht riesige, unüberschaubare Stadtlandschaften ohne Ende liebt – von begrenzter Anzahl. Ergibt sich aber – wie in meinem Fall – eine (relativ) „günstige“ Gelegenheit nach Japan zu reisen, dann nur zu!

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